Das Walddorf Straberg


Eine (ganz) kleine Dorfhistorie

Fruchtbares Land an einem schönen Wald

 

Unser Straberg erhebt sich auf einer sanften Landerhöhung auf dem rechten Ufer eines alten versumpften und versandeten Rheinarmes. Nur wenn der Rhein früher Hochwasser führte, füllte sich dieser Arm noch mit Wasser. Bei Rückgang des Wassers blieb fruchtbarer Boden zurück. Dies machten sich Klöster, Abteien und Stifte zu Nutzen. Sie errichteten mehrere Guts-(sogenannte Lehenshöfe) im "Stro-broch'. Der Name ist eine althochdeutsche Bezeichnung für eine Gegend im Schilf-Bruch.

 

Schon im 11. -12. Jahrhundert führte sich die Schreib- und Sprechweise "Strabruch" ein. Seit dem 14. Jahrhundert hat sich der Ortsname "Straburg" durchgesetzt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begegnen uns in einer "Spezifikation der Ländereien zu Straberg" alte Flur- und Wegenamen, welche bis in die heutige Zeit noch Geltung haben, wie z.B. "am Pannes, an der Kölschen Straße, im Broich, am Ückerather Weg, an der Bighinnen Kuul oder Viehstraße".

 

Im 18. Jahrhundert gehört Straberg zur Amtsverwaltung Hülchrath und zur Pfarrei Nievenheim. Um 1800 hat das Dorf 500-660 Einwohner. Die kleine Kapelle von 1767 ist längst zu klein und wird 1802 um einen Kirchenraum erweitert. Seit 1804 ist Straberg Pfarrei. 1845 zählt das Dorf 700 Einwohner. Man wollte schon damals eine neue Kirche bauen, aber die Nähe zu Knechtsteden mit der großen Basilika führte zur Ablehnung des Bestrebens. Vierzig Jahre sollte es noch dauern bis 1888 der Privatgeistliche Herrmann Josef Schmitz unsere St. Agatha erbauen ließ.

 

(Quelle: gekürzte Festschrift zum 125jährigen Jubiläum der Bruderschaft im Jahr 1992)

 



Zum 150 jährigen Jubiläum wurde für die Festschrift der Bruderschaft von

Dr. Stephen Schröder, Amt für Schulen und Kultur, Archiv im Rhein Kreis Neuss, 

ein kleiner, sehr informativer Streifzug durch die

straberger Dorfgeschichte verfasst.

 

Vielen Dank an Dr. Schröder, dass wir diesen Streifzug auch hier auf der Homepage verwenden dürfen!


Straberg: Ein Streifzug durch die Geschichte des Walddorfs

von Stephen Schröder

 

Im Jahre 2017 begeht die „St.-Hubertus-Schützenbruderschaft Straberg e. V.“ ihren 150. Geburtstag – ohne Zweifel ein Grund zum Feiern.

 

Seit 1867 setzen sich ihre Mitglieder durch aktive Basisarbeit für die Förderung des Schießsports ein, wirken an der Vorbereitung und Durchführung kirchlicher Veranstaltungen mit und kümmern sich um die Förderung und Pflege des örtlichen Brauchtums. Wie vielerorts im Rheinland repräsentierten die Schützen in den zurückliegenden eineinhalb Jahrhunderten auch in Straberg einen wesentlichen Bestandteil des dörflichen Kultur- und Gemeinschaftslebens. Doch was hatte es mit dem Ort in dieser Zeit und darüber hinaus eigentlich auf sich? Wie veränderten sich Straberg und seine Bewohner im Laufe der Jahrzehnteund Jahrhunderte?

 

Der vorliegende Beitrag möchte mittels eines Streifzugs durch die spannende Ortsgeschichte Antworten auf diese Fragen geben.

I. Ursprünge: Wald, Sumpf, Broich

 

Straberg kann auf eine weit zurückreichende Historie zurückblicken. Archäologische Funde legen den Schluss nahe, dass die Gegend schonin der Mittel- und Jungsteinzeit besiedelt war, zunächst von Jägern, die sich regelmäßig, wenn auch nur für begrenzte Zeit im hiesigen Raum aufhielten, später, ab etwa 4.400 v. Chr., von Landwirtschaft treibenden Bauern. Aus römischer Zeit datieren Fundstellen von Bauernhöfen in und um Straberg, welche die am Rhein stationierten römischen Truppen versorgten. Auch ein römisches Gräberfeld wurde entdeckt.i Inschriftlichen Quellen wird der Ort erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt, und zwar in der Urkundenüberlieferung des Klosters Knechtsteden sowie in Zeugnissen anderer Klöster und Stifte. So berichtet ein zwischen 1131 und 1137 niedergeschriebener Eintrag im ältesten Memorienbuch des Kölner Gereonstifts vom Tod des Laien Sigebert. In einem wohl später hinzugefügten Nachtrag heißt es, dass für sein Benefizium 30 Denare in „Strabruhc“ gegeben werden („huius beneficiumest XXX den. in Strabruhc“).ii Zeitlich eindeutiger ist eine Urkunde vom 7. Juli 1155, in der Papst Hadrian IV. die Abtei Knechtsteden in seinen Schutz nimmt und alle ihre Besitzungen bestätigt, darunter auch zwei Höfe in „Strabruch“ („In Strabruch duas curtes“).iii Im Jahre 1176 wird mit „Hermann von Strabruch“ erstmals ein Vertreter des Geschlechts von Straberg erwähnt. Allerdings ist dasselbe nur bis 1262 nachweisbar und scheint danach ausgestorben zu sein oder sich einen anderen Namen zugelegt zu haben.iv

 

Zwei wichtige Befunde, die auf zeitüberdauernde Faktoren der Straberger Geschichte verweisen, lassen sich aus diesen ersten schriftlichen Zeugnissen ableiten. Der eine betrifft die verschiedenen Ortsnamen, die damals Verwendung fanden und jenseits der genannten noch viele weitere Varianten annehmen konnten.v Sie deuten „auf einen Rodungsort in unwirtlicher, sumpfiger und morastiger Landschaft“vi hin.Nach dem Ende der römischen Landbesiedlung im 3. Jahrhundert und möglicherweise verstärkt seit dem 5. Jahrhundert, als der römische Einfluss am Niederrhein zugunsten des fränkischen schwand und die Besiedlung insgesamt dünner wurde, regenerierte sich der Wald in den landwirtschaftlich genutzten Flächen des hiesigen Raumes zunächst wieder. Wohl erst seit dem 9. Jahrhundert zeichnete sich erneut eine intensivere Besiedlung ab, nicht zuletzt im Zusammenhang mit ausgedehnten Rodungstätigkeiten.vii Straberg, das idyllisch gelegene „Walddorf“viii nahe des Mühlenbuschs und des Knechtstedener Buschs, entstand vor diesem Hintergrund vermutlich als eine kleine Siedlung „mitten im Wald“, wobei davon auszuge- hen ist, „dass zunächst der Wohnplatz angelegt und von einer begrenzten Wirtschaftsfläche für den Ackerbau umgeben wurde“. Durch weitere Rodungen wurde die Siedlungsfläche in der Folgezeit vergrößert.ix Eingebettet war die Siedlung in die teils sumpfig-sandige Landschaft auf der Niederterrasse nahe eines Altrheinarms. Es sollte bis ins 20. Jahrhundert dauern, ehe der größte Teil des umliegenden Sumpfes trockengelegt wurde, und selbst danach bedeckten Sand und Sumpf noch nennenswerte Strecken des Straberger Umlands, wie sich der örtlichenSchulchronik entnehmen lässt.x

 

Der zweite Befund bezieht sich auf die von Anfang an sehr engen Beziehungen zum benachbarten Kloster Knechtsteden. Das Kloster entstand wahrscheinlich im Jahre 1130, also ungefähr zeitgleich zu Straberg, und repräsentierte über Jahrhunderte hinweg einen wichtigenGravitationspunkt für die in der benachbarten Siedlung lebenden Men-schen. Mit seiner phasenweise intensiven Bautätigkeit, seinen Wirtschaftshöfen und seinen sonstigen Einrichtungen bot es willkommene Beschäftigungsmöglichkeiten, nicht zuletzt für die Straberger Tagelöhner. Zudem waren die Strabergerinnen und Straberger, obwohl sie im Mittelalter und der Frühen Neuzeit formal zur Pfarrei Nievenheim gehörten, in religiöser Hinsicht stark zur nahegelegenen Prämonstratenserabtei hin ausgerichtet. Der Straberger Hauptlehrer hat dazu 1949 in der Schulchronik vermerkt: „Jahrhunderte lang stand das früher sehr arme Dorf in engster Verbindung mit dem Kloster. Dessen herrliche Kirche ist auch der Stolz der Straberger.“xi Eine eigene Kapelle, die bereits damals der heiligen Agatha gewidmet war, wurde in Straberg hingegen erst 1767 gebaut; und erst 1804 wurde das Gotteshaus von Nievenheim abgetrennt und somit selbstständig. Trotz mancher Schwierigkeiten konnte es diesen Status in der Folgezeit behaupten.

 

II. Unter französischem Einfluss

 

Damals war Straberg, das vor 1790 zum Amt Hülchrath im Kurfürstentum Köln gehört hatte, ein Teil Frankreichs. Seit dem Herbst 1794 hielten französische Revolutionstruppen das linke Rheinufer besetzt. Mit dem Frieden von Lunéville 1801 wurde das Gebiet auch völkerrechtlich Frankreich zugeschlagen.xiii Für die Menschen in Straberg brachte die bis 1814 andauernde „Franzosenzeit“ gravierende Veränderungenmit sich – weit jenseits der erwähnten Selbstständigkeit der eigenen Pfarre. So führten die neuen Herren überall eine rationale, übersichtliche Verwaltungsorganisation ein, die sich von den kleinteilig-unübersichtlichen Verhältnissen des Alten Reiches deutlich abhob.

 

Straberg gehörte seit 1800 zur Mairie Nievenheim, welche dem Kanton Dormagen im Arrondissement Köln im Roerdepartement zugehörig war – eine Zuordnung mit langandauernder Folgewirkung, traten die französischen Mairien nach 1815 doch als preußische Bürgermeistereien erneut in Erscheinung. Nicht weniger einschneidend waren andere Neuerungen der „Franzosenzeit“, von denen an dieser Stelle nur die bedeutsamsten Erwähnung finden können: die Reformen im Rechtswesen und der Gerichtsorganisation etwa, insbesondere die Einführung des Code Civil, der in Straberg wie im gesamten linksrheinischen Rheinland als „Rheinisches Recht“ bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs am 1. Januar 1900 fortbestand, ferner die Einführung der Gewerbefreiheit und die Liberalisierung des Handels sowie, was vor Ort vielleicht am unmittelbarsten greifbar wurde, die Säkularisation: Wie andere kirchliche Institutionen wurde auch die Abtei Knechtsteden von Napoleon zunächst aufgehoben und dem französischen Nationaleigentum zugeführt (1802), später dann versteigert (1810). Schon im Herbst 1794 waren Abt und Konvent vor den heranrückenden Revolutionstruppen geflohen, worauf es in der Abtei zu umfangreichen Plünderungen durch die Bauern aus dem Umland kam.xiv

 

Erworben wurde die Abtei u. a. von Winand Kayser, dem letzten Mönch von Knechtsteden, wie er gelegentlich genannt wird. Er machte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1842 nicht nur um die Knechtstedener Kirche verdient, wo er regelmäßig öffentliche Gottesdienste abhielt, sondern trat sowohl in Straberg als auch in Delhoven als großer Wohltäter auf. Kayser spendete Brot und Getreide, förderte fleißige Schüler und initiierte eine Stiftung für bedürftige Familien, um nur einige Beispiele seines breit angelegten Wirkens zu nennen. In Straberg ist heute eineStraße nach diesem bemerkenswerten Mann benannt.xv Unabhängig von Winand Kayser ist im Zusammenhang der Säkularisation festzustellen, dass es auch im hiesigen Raum zur Aufteilung kirchlichen Landbesitzes kam, was wiederum die Entstehung einer neuen sozialen Schicht von freien Landbesitzern beförderte. So wurden in Straberg etwa die der Abtei gehörige Mühle samt Ackerland sowie Ackerland aus dem Besitz von St. Gereon an Privatpersonen verkauft.xvi Gedanklich getragen wurden all diese Maßnahmen durch die revolutionären Prinzipien der Freiheit und Gleichheit, denen sich die Französische Revolution verpflichtet sah. Sie führten auch in den linksrheinischen Gebieten einschließlich Strabergs zur Ablösung der vormals ständischen Gesellschaftsordnung.

 

III. Unter preußischer Verwaltung

 

Nach dem Wiener Kongress fiel das hiesige Gebiet 1815 an Preußen. Rasch überzogen es die neuen Machthaber mit ihren aus den östlichen Stammlanden bekannten Verwaltungsstrukturen. Straberg gehörte fortan zur Bürgermeisterei (seit 1927 zum Amt) Nievenheim, die aus der gleichnamigen französischen Mairie hervorging. Bis zur großen kommunalen Neugliederung 1975 sollte sich an dieser verwaltungsseitigen Zuordnung Strabergs nichts ändern. Die Bürgermeisterei Nievenheim wiederum war Teil des 1816 eingerichteten Kreises Neuss, der aus den Kantonen Dormagen und Neuss gebildet wurde und zum Regierungsbezirk Düsseldorf gehörte. Im Zuge der administrativen Neuordnung von 1929 ging der Kreis Neuss im neu entstandenen Landkreis Grevenbroich-Neuss auf, welcher sich seit 1946 Kreis Grevenbroich nannte.

 

An der Spitze der Bürgermeisterei stand der Bürgermeister, der nicht gewählt, sondern höheren Orts ernannt wurde. Er nahm sowohl staatliche Aufgaben z. B. als Ortspolizei wahr als auch Belange der kommunalen Selbstverwaltung. Straberg erlangte im Laufe des 19. Jahrhunderts den Status einer „Spezialgemeinde“ innerhalb des Bürgermeistereiverbandes. Gleiches galt auch für Gohr, das 1870 in die Bürgermeisterei eingemeindet wurde, sowie für den Bürgermeistereihauptort Nievenheim. Als Spezialgemeinde verfügte Straberg über einen eigenen Haushalt und eine gewisse, wenn auch nur geringe Selbstständigkeit. Vertreten wurde die Gemeinde durch den Gemeinderat, dessen Vertreter nach dem preußischen „Dreiklassenwahlrecht“ gewählt wurden, sowie durch den Gemeindevorsteher, der allerdings bis 1927 eine gegenüber dem Bürgermeister nachgeordnete und unselbstständige

Funktion innehatte.xvii

 

Bei Einrichtung der preußischen Verwaltung 1815/16 lebten 495 Einwohner in Straberg und weitere 49 in Knechtsteden, das ebenfalls zur Gemeinde Straberg gehörte.xviii Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wuchs die Einwohnerschaft – wie in vielen Landgemeinden des damaligen Kreises Neussxix – nur langsam. 1832 wurden in Straberg 537 und in Knechtsteden 24 Einwohner gezählt.xx Für die Folgezeit versammelt die nachfolgende Tabelle die ortsanwesende Bevölkerung bzw. für 1925 die Wohnbevölkerung.

 

Datierung Straberg Knechtsteden

 

1.12.1871xxi 648 12

 

1.12.1885xxii 593 23

 

2.12.1895xxiii 607 24

 

1.12.1905xxiv 627 184

 

16.6.1925xxv 996

 

Der Anstieg für Knechtsteden nach der Jahrhundertwende geht ursächlich darauf zurück, dass die Klosteranlage seit 1896 einer neuen und, wie sich zeigen sollte, zukunftsweisenden Nutzung zugeführt wurde, und zwar als Missionshaus des noch heute in Knechtsteden engagierten Spiritanerordens. Das insgesamt geringe Bevölkerungswachstum der Gemeinde verweist indes auf einen anderen wichtigen Befund der Ortsgeschichte: Auch im Zeitalter der (Hoch-)Industrialisierung, als beispielsweise im Ruhrgebiet einst überschaubare Ortschaften im Zuge des Aufschwungs des Bergbaus explosionsartig wuchsen und zu Industriedörfern mutierten, veränderte das ländliche Straberg sein Antlitz nur vergleichsweise wenig. Nennenswerte Industrieansiedlungen hat es im Walddorf bis zum Ersten Weltkrieg nicht gegeben. Straberg unterschied sich damit von anderen Teilen der Bürgermeisterei, namentlich vom „Bereich Nievemheim-Delrath“, wo es entlang der 1911 ins Leben gerufenen Zons-Nievenheimer Industriebahn zur Ansiedlung verschiedener Unternehmen kam, darunter als das wohl prominenteste Beispiel die Nievenheimer Zinkhütte, die 1913 ihre Konzession erhielt.xxvi Auch im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts entstand kaum Industrie in Straberg.xxvii

 

Die fehlende Industrialisierung spiegelt sich weithin auch in der sozialen Zusammensetzung der Straberger Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg wider. Einen recht guten Einblick eröffnet in dieser Hinsicht die „Wähler-Liste der Gemeinde Straberg“xxviii für die Reichstagswahl am 12. Januar 1912, auch wenn darin nur männliche Bewohner enthalten sind, die das 25. Lebensjahr zurückgelegt hatten, und die Liste auch aus anderen Gründen nicht den strengen Anforderungen einer modernen Erhebung entsprechen kann. Eine Auswertung der Quelle samt anschließender Clusterbildung ergibt folgendes Bild:

Quelle: Festschrift Bruderschaft zum 150jährigen Jubiläum 2017
Quelle: Festschrift Bruderschaft zum 150jährigen Jubiläum 2017

Zunächst springt der ungewöhnlich hohe Anteil von Personen im kirchlichen Dienst ins Auge, was natürlich auf das Wirken der Spiritaner im Kloster Knechtsteden zurückzuführen ist. Jenseits dessen dominierte die Landwirtschaft, wobei seit der Jahrhundertwende vor allem Roggen und Weizen in Straberg angebaut wurden. Immerhin 33 Höfe zählte das kleine Dorf im Jahr des Kriegsausbruchs 1914.xxix Handwerk und (Industrie-)Arbeiterschaft waren demgegenüber weit weniger verbreitet, hielten sich untereinander aber in etwa die Waage. Vieles spricht dafür, dass die Handwerker (mit Ausnahme wohl des spezielleren Modellschreiners) primär für den örtlichen Bedarf arbeiteten, während insbesondere die Fabrik- und Bahnarbeiter ihren Lebensunterhalt schon damals vielfach außerhalb ihres Wohnorts z. B. in Köln oder Neuss erwirtschaftet haben dürften. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich in den Landgemeinden des Kreises Neuss und nachweislich auch in Straberg das Pendlerwesen aus, wenn auch anfangs nur langsam.xxx

 

Möglich machte dies die Eisenbahn. Bereits seit 1855 verfügte Horrem über einen Bahnhof, welcher die Gegend an die Strecke Köln-Neuss anschloss. Seit den 1880er Jahren wurde auch Nievenheim-Delrath mittels eines Haltepunkts bzw. Bahnhofs mit dieser Verbindung verknüpft. Mittelbar konnten auch die Menschen in Straberg von den beiden jeweils knapp vier Kilometer entfernten Bahnstationen profitieren. Weitere für den Ort wichtige Veränderungen kamen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hinzu: Im Dezember 1888 konnte die auf Betreiben von Pastor Hermann Joseph Schmitz erbaute neue Kirche eingeweiht werden.xxxi Bis heute bildet das im neogotischen Stile errichtete Gotteshaus das religiöse und auch optische Zentrum des Ortes. 1894 wurde die Spar- und Darlehenskasse Nievenheim-Straberg GmbH gegründet, welche in Straberg eine Zweigstelle eröffnete. Im Jahr 1908 schloss die Gemeinde schließlich einen Vertrag mit dem Kreis Neuss „über die direkte Abgabe von elektrischer Energie für Licht, Kraft und sonstige Zwecke“xxxii. Der Kreis unterhielt damals ein eigenes Elektrizi-

tätsunternehmen, das 1911/12 den Anschluss des Straberger Ortsnetzes mit zunächst 39 Konsumenten (Stand: 1. März 1912) realisierte.xxxiii (Anmerkung der Red.: auch der Schützensaal ging 1911 mit ans Netz) Etwa zeitgleich erhielt das Dorf die ersten Laternen für die Beleuchtung der Straßen, welche zudem teilweise mit festen Basaltdecken versehen wurden. An das Wasserleitungsnetz wurde Straberg hingegen erst 1934 angeschlossen, während es eine Schule für die Kinder offenbar schon seit dem frühen 19. Jahrhundert gab. 1863 wurde mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes begonnen.xxxiv

 

Ob Ackerer oder Handwerker, Arbeiter oder Lehrer – die Straberger Gesellschaft wies im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein hohes Maß an Homogenität auf. Fast alle Dorfbewohner waren katholisch. Protestanten gab es nur sehr wenige; gleiches galt für Ausländer. Praktizierte Frömmigkeit gehörte für viele zum selbstverständlichen Alltag. Der kirchliche Festkalender verlieh dem Jahr der Strabergerinnen und Straberger Struktur. Dabei bewohnten die meisten Familien im Dorf ein eigenes Haus oder einen Hof und nannten ein Stück Land ihr Eigen, auf dem sie Obst, Gemüse oder Kartoffeln für den Eigenbedarf anbauten. Letzteres galt auch für die Tagelöhner und Handwerker, teils auch für die Arbeiter. Örtliche Vereine wie der 1867 gegründete St.-Hubertus-Schützenverein – der Vorgänger der heutigen Bruderschaft - oder später das Tambourcorps „Victoria Straberg“ förderten den Zusammenhalt innerhalb der Dorfgemeinschaft.xxxv

 

IV. Kriegs- und Krisenjahre

 

In den durch Krieg und Krisen geprägten Jahren 1914 bis 1945 wurde auch Straberg stark durch die übergeordnete Entwicklung geprägt, welche an dieser Stelle nur schlagwortartig mit den Begriffen Zwangswirtschaft, ausländische Besatzung und Inflation, Demokratie und NS-Diktatur umrissen sei. Diese Prägung verlief teilweise etwas weniger pointiert als anderswo – etwa hinsichtlich der Versorgungssituation in Kriegszeiten, welche sich m ländlichen Raum tendenziell günstiger ausnahm als in den städtischen Ballungszentren, oder mit Blick auf die nationalsozialistische Judenverfolgung, die

in Straberg, wie im gesamten Amt Nievenheim, da hier keine Menschen jüdischen Glaubens lebten,xxxvi nicht unmittelbar erfahrbar war.

In anderer Hinsicht wie der 1917 in Angriff genommenen Trockenlegung des umfangreichen Straberger Gemeindebroichsxxxvii bildete der Ort während des Katastrophenzeitalters eigene Akzente aus. Die Kriege selbst haben auch in Straberg zahlreiche Opfer gefordert. Die exakte Anzahl lässt sich heute nur noch schwer ermitteln. Die Festschrift zum 125jährigen Jubiläum der St.- Hubertus-Schützenbruderschaft benennt für den Ersten Weltkrieg 28 Gefallene und Vermisste, für den Zweiten 73.xxxviii Politisch wiederum dominierten im katholisch-ländlichen Straberg bei Wahlen auf höherer Ebene die Zentrumspartei (vor 1933) bzw. die CDU (nach 1945).xxxix

Quelle: Festschrift der Bruderschaft zum 150jährigen Jubiläum 2017
Quelle: Festschrift der Bruderschaft zum 150jährigen Jubiläum 2017

 

V. In der Nachkriegszeit

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich Straberg erheblich. Zwar hatte der Ort „nur geringfügige äußere Kriegsschäden erlitten“xl. Die „Flüchtlingsnot“xli sorgte jedoch dafür, dass schon bis Ende 1946 190 Menschen aus Pommern, Mecklenburg, Schlesien sowie Ost- und Westpreußen nach Straberg kamen. Bis Anfang 1949 sollte sich die Zahl der Flüchtlinge in der Gemeinde (d. h. einschließlich des ebenfalls erheblich berührten Knechtsteden) auf 366 erhöhen. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von knapp 24 % und repräsentierte einen gegenüber Gohr oder Nievenheim vergleichsweise hohen Wert.xlii

Durch den Flüchtlingszustrom wurde die bis dato existierende Homogenität der Straberger Gesellschaft aufgebrochen: Mit den Flüchtlingen kamen nicht nur Menschen mit einer teils andersgelagerten Lebensgeschichte ins Dorf, sondern erstmals in größerer Zahl auch evangelische Christen,xliii was sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirkte. So vermerkt die örtliche Schulchronik mit Blick auf den 10. Juni 1949, dass von 202 Kindern 45 Flüchtlinge und davon wieder 29 evangelisch waren. Zum Vergleich: Noch 1938 hatte die Zahl der in Straberg ansässigen Protestanten insgesamt bei sechs gelegen.xliv Mit der Zeit bauten die evangelischen Christen in der Umgegend auch ein eigenes Gemeindeleben auf. Im nahen Nievenheim wurde 1952 eine Pfarrstelle eingerichtet und zum Schuljahr 1954/55 eine evangelische Volksschule eröffnet.xlv Die Flüchtlinge trugen zudem mit dazu bei, dass sich die Gesamteinwohnerzahl Strabergs nach 1945 erhöhte, wie die nachfolgen-

de Übersicht zeigt:

 

1933 1.214xlvi

1946 1.174 (einschließlich Knechtsteden)xlvii

1969 1.651 1974 2.176xlviii

 

Wandel vollzog sich nach 1945 überdies in wirtschaftlicher Hinsicht. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Zahl der Gewerbetreibenden in Straberg erhöht – ein Trend, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar fortsetzte.xlix Vor allem aber gewann die auswärtige Industrie namentlich in Neuss und Dormagen, wo seit 1917 „Bayer“ produzierte, als Arbeitgeber an Bedeutung für die Menschen in Straberg. In der Schulchronik heißt es dazu pointiert: „Nach dem Kriege aber ist der Ort sehr stark von der Dormagener und Neußer Industrie abhängig“l. Zu diesem Urteil passen im Großen und Ganzen auch die Pendlerzahlen aus den 1950er Jahren. Sie belegen für die Gemeinde Straberg intensive Auspendlerbewegungen in erster Linie nach Dormagen, aber auch nach Köln und Neuss.li Tatsächlich arbeiteten 1960 im gesamten Amt Nievenheim 50 bis 60 % der Einwohner in der Industrie und nur noch ca. 10 % in der Landwirtschaft, deren Arbeitskräftebedarf infolge rationellerer Arbeitsmethoden deutlich zurückgegangen war.lii

VI. Kommunale Neugliederung 1975

 

Einen Einschnitt für Straberg beschrieb sodann die kommunale Neugliederung. Sie zerschnitt das Band, das den Ort verwaltungsseitig seit der „Franzosenzeit“ mit Nievenheim verknüpft hatte: Seit dem 1. Januar 1975 gehört Straberg zur 1969 gegründeten Stadt Dormagen.liii Folgt man allerdings der örtlichen Schulchronik, so waren die Menschen im Dorf nach 1945 ohnehin sehr stark nach Dormagen und Neuss sowie zum Kloster Knechtsteden hin orientiert.liv Heute zählt Straberg 2.664 Einwohner (Stand 31.12.2015)lv, was nicht zuletzt auf neu erschlossene Baugebiete seit den 1970er Jahren zurückzuführen ist. Wie die meisten Dormagener Stadtteile fungiert das beschauliche Walddorf aktuell fast ausschließlich als Wohnort. Als solcher besticht es wie eh und je durch seine Naturnähe und einen großen Gemeinschaftssinn, wozu seit 150 Jahren auch die St.-Hubertus-Schützenbruderschaft beiträgt.

 

Zu diesem großen Jubiläum ganz herzlichen Glückwunsch!

 

Dr. Stephen Schröder

 

Rhein-Kreis Neuss

Amt für Schulen und Kultur

Archiv im Rhein-Kreis Neuss

 

Die im Text genannten Quellen:

sind aber auch in unserer Festschrift zum 150jährigen Jubiläum auf den Seiten 35-37 zu finden